„Und, wie nennt man das jetzt?“ Meine Tante hat mich das auf einer Hochzeit gefragt, den Finger auf ihren Enkel gerichtet, der gerade versuchte, ein Stück Torte in ein Weinglas zu stopfen. Ich wusste es nicht. Ehrlich gesagt hatte ich bis zu diesem Moment über den Begriff Großcousin nie länger als zwei Sekunden nachgedacht. Ich war mir nur sicher, dass es irgendwas mit Familie in einem größeren Umkreis zu tun hatte.
Es stellte sich heraus: Ich lag falsch. Und die meisten Leute am Tisch lagen auch falsch — jeder hatte eine andere Antwort parat. Das Ding ist: Der Begriff Großcousin ist eine dieser Vokabeln, die man seit der Kindheit im Kopf hat, ohne dass sie je jemand offiziell beigebracht hätte. Genau darum soll es hier gehen.
Wichtige Erkenntnisse
- Laut Duden bezeichnet Großcousin einen Cousin zweiten Grades — also jemanden, dessen Großeltern die Urgroßeltern der anderen Person sind.
- Das Wort ist nicht standardisiert: Der Duden markiert es als landschaftlich, also regional verbreitet.
- Im Alltag wird „Großcousin“ oft für den Sohn der Cousine benutzt — das ist aber ein Cousin 1. Grades mit einem Grad Unterschied, kein Großcousin.
- Es gibt keine amtliche Stelle, die diese Verwendung regelt. Der Sprachgebrauch entscheidet.
- Wer exakt sein will, sagt „Cousin zweiten Grades“ — und wird meist schief angeschaut.
Wer ist der Großcousin? Die Antwort des Dudens
Der Duden hat einen Eintrag. Er ist kurz, und er ist eindeutig: Großcousin = Cousin zweiten Grades. Das ist die Definition, an der Sie sich festhalten können, wenn es formell sein soll.
Was bedeutet das konkret? Die Abstammungslinie geht eine Ebene tiefer als bei normalen Cousins.
Die Ebenen der Verwandtschaft im Vergleich
Bei Geschwistern teilt man sich die Eltern. Bei Cousins ersten Grades teilt man sich die Großeltern — die Kinder von Onkel und Tante sind also die klassischen Cousins. Der Großcousin liegt eine Stufe darüber:
- Geschwister: gemeinsame Eltern.
- Cousin 1. Grades: gemeinsame Großeltern.
- Großcousin (Cousin 2. Grades): gemeinsame Urgroßeltern.
- Cousin 3. Grades: gemeinsame Ururgroßeltern. Hier verliert der Begriff dann endgültig seinen Charme.
Der gemeinsame Vorfahre wandert also mit jeder Generation nach oben. Bei mir persönlich: Mein „Großcousin“ in diesem Sinne ist der Enkel der Schwester meiner Urgroßmutter. Wir haben uns jahrelang auf Familienfesten gesehen und nie gewusst, was wir zueinander sind. Wir haben uns einfach beim Vornamen genannt.
Eine kurze Tabelle macht die Sache greifbarer:
| Bezeichnung | Gemeinsame Vorfahren | Beispiel |
|---|---|---|
| Bruder / Schwester | Eltern | Gleiche Mutter, gleicher Vater |
| Cousin 1. Grades | Großeltern | Kind von Onkel oder Tante |
| Großcousin (2. Grades) | Urgroßeltern | Kind der Cousine eines Elternteils |
| Cousin 3. Grades | Ururgroßeltern | Urenkel der Schwester der Urgroßmutter |
Kurz gesagt: Der Großcousin ist kein entfernter Verwandter im vagen Sinne. Er hat einen konkreten Platz im Stammbaum — man muss nur eine Generation weiter hochklettern als gewohnt.
Ist der Sohn meiner Cousine mein Großcousin?
Nein. Und das ist der Punkt, an dem ich mich am längsten verrannt habe.
Wenn Ihre Cousine ein Kind bekommt, ist dieses Kind nicht Ihr Großcousin. Es ist Ihr Cousin ersten Grades mit einem Grad Unterschied — oder auf Englisch: first cousin once removed. Der Abstand zwischen Ihnen und dem Kind ist größer als zwischen Ihnen und der Mutter, weil das Kind eine Generation unter Ihnen steht. Der Verwandtschaftsgrad bleibt aber der erste.
Warum der Grad-Unterschied ständig verwechselt wird
Der Begriff „Großcousin“ wird im Alltag genau dafür benutzt. Ich habe das selbst lange so gehandhabt: Der Sohn meiner Cousine war für mich mein Großcousin. Klingt logisch, oder? „Cousine, aber eine Nummer größer.“
Der Sprachgebrauch hat sich da verselbständigt. Der Duden beschreibt das Wort als landschaftlich — also regional verbreitet und nicht hochsprachlich verbindlich. Es gibt keine Instanz, die einem sagt: So, und jetzt alle mal anders. Wer das Wort im Familienkreis benutzt, meint fast immer das Kind der Cousine, nicht den Cousin zweiten Grades.
Für eine korrekte Einordnung hilft diese Unterscheidung:
- Cousin 1. Grades: gleiche Generationsebene, gemeinsame Großeltern.
- Cousin 1. Grades mit einem Grad Unterschied: eine Ebene versetzt, gemeinsame Großeltern der Elterngeneration.
- Großcousin (2. Grades): gleiche Generationsebene, gemeinsame Urgroßeltern.
Das ist ein Unterschied um eine ganze Generation. Und genau der geht in Familiengesprächen regelmäßig verloren.
Wie nennt man die Kinder vom Cousin?
Wenn Ihr Cousin Kinder hat, sind diese Kinder Ihre Cousins ersten Grades mit einem Grad Unterschied. Einen deutschen Alltagsbegriff, der das auf einen Nenner bringt, gibt es nicht wirklich.
In der Praxis hört man dann drei Varianten:
- Die genaue, aber sperrige: „Cousin ersten Grades, ein Grad versetzt.“
- Die ungenaue, aber verbreitete: „Großcousin“ — was streng genommen falsch ist, aber jeder versteht, was gemeint ist.
- Die pragmatische: Man sagt einfach „das Kind von meinem Cousin“. Ist auch ehrlich.
Meine persönliche Meinung: Die dritte Variante ist die beste. Ich habe versucht, in meiner Familie die korrekte Terminologie einzuführen. Nach zwei Familienfesten hatte ich aufgegeben. Mein Onkel hat mich irgendwann gefragt, ob ich jetzt Jurist geworden sei. Die Pointe: Er hatte recht.
Und wie heißt die weibliche Form?
Die Großcousine ist die weibliche Entsprechung — wieder nach Duden: eine Cousine zweiten Grades. Also die Tochter der Cousine eines Elternteils oder die Enkelin der Schwester eines Großelternteils, je nachdem, wie man die Linie zieht.
In der Mehrzahl heißt es die Großcousins, bei gemischten Gruppen spricht man von Großcousins und Großcousinen. Der Begriff funktioniert im Deutschen also genauso wie im Französischen oder Spanischen — aber nur, wenn man sich auf die formelle Bedeutung einigt. Und genau da liegt das Problem.
Was ist ein Beispiel für einen Großcousin? Ein konkreter Fall
Ich versuche es mal mit meiner eigenen Familie, weil ich da sicher bin.
Meine Urgroßmutter Anna hatte eine Schwester, Klara. Klara bekam eine Tochter, die ich nur als „Tante Grete“ kenne — obwohl sie streng genommen keine Tante von mir ist. Tante Grete bekam einen Sohn, Thomas. Thomas ist mein Großcousin. Gemeinsame Vorfahren: Anna und ihre Schwester, also meine Urgroßmutter und deren Schwester. Das sind zwei Generationen über meinen Großeltern.
Thomas und ich haben uns als Kinder auf jedem Familienfest gesehen. Wir waren nie „richtig“ verwandt im Sinne von Cousin und Cousine, aber irgendwie auch nicht fremd. Wir waren die Sorte Verwandtschaft, für die es keinen gängigen Namen gibt, obwohl sie sich anfühlt wie eine echte Verbindung.
Warum der Begriff trotzdem wichtig ist
Bei Erbschaftsfragen, im Stammbaum, bei der Familienforschung oder wenn ein Formular den Verwandtschaftsgrad verlangt, reicht „irgendwie verwandt“ nicht. Da braucht man den präzisen Ausdruck. Und dann ist es gut, wenn man weiß: Cousin zweiten Grades, gemeinsame Urgroßeltern.
Übrigens: Im Englischen existiert der Begriff „great-cousin“ — er wird aber kaum benutzt. Die Engländer sagen „second cousin“ und sind damit fein raus. Im Spanischen heißt es „primo segundo“. Nur im deutschen Sprachraum hat sich die Vorsilbe „Groß-“ eingeschlichen, was zu genau dieser Verwirrung führt.
Der Punkt, auf den es ankommt
Der Großcousin ist ein schönes Beispiel dafür, wie Sprache mit Familienverhältnissen umgeht: nicht mit einer Norm, sondern mit einer Praxis. Der Duden hat eine Definition, aber die Familien in Deutschland haben ihre eigene. Beide leben nebeneinander, und keiner stört den anderen ernsthaft.
Was mich daran fasziniert: Ich habe jahrelang gedacht, ich wisse, was ein Großcousin ist. Ich habe das Wort benutzt, ohne es je zu prüfen. Erst als meine Tante auf der Hochzeit fragte, musste ich zugeben, dass ich es nicht wusste.
Wenn Sie also das nächste Mal auf einem Familienfest gefragt werden, was das Kind Ihrer Cousine nun eigentlich ist: Sie können mit der Version des Dudens antworten. Oder Sie sagen einfach: „Das ist der Sohn meiner Cousine.“ Beides ist ehrlich. Nur eines davon ist präzise — und das andere wird von jedem am Tisch verstanden.