Geldanlage trotz niedriger Zinsen: Die Strategien, die wirklich funktionieren
„Und, was macht man jetzt mit dem Geld?" Diese Frage bekomme ich inzwischen jedes Mal, wenn ich auf einer Familienfeier sitze. Tante Renate, Mitte sechzig, hat 40.000 Euro auf einem Sparkonto, das ihr 0,4 Prozent bringt. Sie weiß, dass das zu wenig ist. Sie weiß aber auch nicht, was sie stattdessen tun soll.
Genau da liegt das Problem. Nicht die niedrigen Zinsen sind das Thema. Es ist die Realrendite — also das, was nach Inflation übrig bleibt. Und diese Zahl ist bei vielen Sparformen heute negativ. Wer 40.000 Euro zu 0,4 Prozent anlegt und 2,5 Prozent Inflation hat, verliert im Jahr rund 840 Euro Kaufkraft. Ohne dass auf dem Konto irgendetwas sichtbar schrumpft.
Ich habe selbst drei Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass „sicher" nicht dasselbe ist wie „risikofrei". Und dass die Strategie, die zu mir passt, nicht die Strategie ist, die in irgendeinem Ranking ganz oben steht. Hier ist, was ich in der Zeit gelernt habe — inklusive der Dinge, die bei mir schiefgelaufen sind.
Wichtige Erkenntnisse
- Entscheidend ist die Realrendite nach Inflation, nicht die Nominalrendite auf dem Kontoauszug.
- Tagesgeld und Festgeld sind sinnvoll für kurzfristige Rücklagen, nicht für den Vermögensaufbau über Jahrzehnte.
- Kein Einzelprodukt löst das Problem — die Mischung aus mehreren Anlageklassen macht den Unterschied.
- Steuern fressen einen Teil jeder Rendite: Abgeltungssteuer, Freistellungsauftrag und bei Fonds die Vorabpauschale gehören in jede Kalkulation.
- Wer 60 oder älter ist, braucht keine andere Anlagelogik — aber eine andere Aufteilung.
- Ein Sparplan mit breit gestreuten Aktien-ETFs ist für Anfänger der einfachste Weg, den ich kenne.
Warum niedrige Zinsen allein nicht das Problem sind
Die Zinsen sind in den vergangenen Jahren wieder gestiegen. Tagesgeld lag zeitweise bei über drei Prozent, Festgeld für zwei Jahre ähnlich. Trotzdem: Wenn die Inflation im selben Zeitraum über zwei Prozent liegt, bleibt von diesen 3,8 Prozent nominal gerade mal ein bis anderthalb Prozent real übrig. Und davon geht noch die Steuer ab.
Wie Sie die Realrendite in zwei Schritten ausrechnen
Das ist die einzige Formel, die ich wirklich gelernt habe und die mir seitdem jede Anlageentscheidung erleichtert:
- Nominalzins minus Inflation ergibt die Vorsteuer-Realrendite. Bei 3,5 Prozent Zins und 2,5 Prozent Inflation: rund 1 Prozent.
- Davon ziehen Sie grob 26,375 Prozent Abgeltungssteuer (inklusive Solidaritätszuschlag) auf den Gewinn ab. Aus 1 Prozent werden etwa 0,74 Prozent.
Das klingt ernüchternd. Ist es auch. Aber es ist ehrlicher als die Zahl, die Ihnen die Bank in der Werbung zeigt.
Der Puffer, den ich viel zu spät aufgebaut habe
Als ich anfing, habe ich direkt Geld in einen Aktien-ETF geschoben. Ohne Notgroschen daneben. Ein Jahr später ging die Waschmaschine kaputt und die Autoreparatur kam dazu — ich musste Anteile verkaufen, ausgerechnet in einer Phase, in der der Kurs im Minus war. Ungefähr 300 Euro Verlust, nur wegen schlechtem Timing, das zu 100 Prozent vermeidbar gewesen wäre.
Die Regel, die ich seitdem befolge: drei bis sechs Nettomonatsausgaben liegen auf einem Tagesgeldkonto. Erst danach wird investiert. Dieses Geld soll nicht arbeiten, es soll da sein.
Wer wenig verdient, für den sind drei Monate schon viel. Dann sind es eben zwei. Hauptsache, der Puffer existiert, bevor das erste Wertpapier gekauft wird.
Drei Strategien, sortiert nach Risikoprofil
Statt „es kommt auf Ihre Ziele an" — was zwar stimmt, aber niemandem hilft — hier drei konkrete Aufteilungen. Ich nutze selbst die mittlere Variante, seit ich 34 bin.
| Anlageklasse | Defensiv | Ausgewogen | Offensiv |
|---|---|---|---|
| Tagesgeld / Geldmarkt | 40 % | 15 % | 5 % |
| Festgeld / kurzlaufende Anleihen | 40 % | 25 % | 10 % |
| Breit gestreute Aktien-ETFs | 20 % | 50 % | 75 % |
| Beimischungen (Gold, Immobilien-REITs) | 0 % | 10 % | 10 % |
| Typischer Anlagehorizont | unter 5 Jahre | 10 Jahre und mehr | 15 Jahre und mehr |
Die defensive Variante — für kurze Horizonte und schwache Nerven
80 Prozent in Zinsprodukten, 20 Prozent in Aktien. Klingt langweilig. Ist es. Aber bei einem Horizont von drei bis fünf Jahren ist alles andere Roulette.
Das Entscheidende hier: die Zinsprodukte aktiv verteilen. Ein Teil als Tagesgeld für jederzeitigen Zugriff, ein Teil als Festgeld mit gestaffelten Laufzeiten. Ich mache das inzwischen so, dass alle sechs Monate eine Tranche fällig wird — dann ist immer Geld verfügbar, ohne dass ich den Rest vorzeitig kündigen muss.
Die ausgewogene Variante — mein eigener Weg
Der Aktienteil läuft bei mir über einen einzigen weltweit streuenden ETF. Kein Stock Picking, kein Branchenwetten. Ein Sparplan, monatlich, automatisch. 250 Euro pro Monat, seit knapp fünf Jahren, und ich habe in dieser Zeit genau zweimal in die Abrechnung geschaut. Das ist Absicht.
Warum? Weil jede Bewegung, die ich selbst auslöse, ein potenzieller Fehler ist. Meine schlimmste Phase war die, in der ich täglich Kurse gecheckt habe. Ich habe damals zwei Positionen aus Panik verkauft, die ein Jahr später 30 Prozent höher standen. Seitdem gilt: Sparplan läuft, ich schaue nicht hin.
Die offensive Variante — nur mit echtem Horizont
75 Prozent Aktien und mehr machen Sinn, wenn das Geld mindestens 15 Jahre nicht gebraucht wird. Klingt nach viel. Ist aber für jemanden mit 30 und einem sicheren Job völlig vertretbar.
Was hier trotzdem nicht passieren sollte: Einzelaktien. Das habe ich zwei Jahre lang probiert. Ergebnis unterm Strich: schlechter als der Index, bei deutlich mehr Zeitaufwand. Nicht dramatisch schlechter, aber die Richtung war eindeutig. Ein paar der Einzelwerte liefen super, zwei haben alles wieder aufgefressen.
Sind sichere Geldanlagen ohne Risiko überhaupt möglich?
Nein. Nicht im Sinne von „kein Risiko". Es gibt nur die Wahl zwischen verschiedenen Risikoarten.
Tagesgeld hat kein Kursrisiko, aber ein Inflationsrisiko und ein Zinsänderungsrisiko — wenn die Zinsen fallen, sinkt Ihre Rendite sofort. Staatsanleihen bester Bonität haben kaum Ausfallrisiko, aber ein Kursrisiko, wenn Sie vor Laufzeitende verkaufen. Aktien schwanken, dafür gleichen sie die Inflation über lange Zeiträume am zuverlässigsten aus.
Was Sie steuern können, ist nicht das Risiko an sich, sondern dessen Verteilung. Mein Fehler war jahrelang, „sicher" mit „ohne Schwankung" gleichzusetzen. Das ist die teuerste Verwechslung, die ich kenne.
Der Anlagehorizont ist die einzige Größe, die wirklich zählt
Nicht Ihr Alter, nicht Ihr Einkommen. Die Frage lautet: Wann brauchen Sie dieses Geld?
- Unter 3 Jahren: Tagesgeld, Geldmarkt-ETF, kurze Festgelder.
- 3 bis 8 Jahre: Mischung aus Festgeld und einem moderaten Aktienanteil.
- Über 10 Jahre: Breit gestreute Aktien-ETFs als Kern.
Wer mit 62 in Rente geht, aber noch 25 Jahre Lebenserwartung hat, hat einen längeren Horizont als mancher 35-Jährige, der in vier Jahren ein Haus kaufen will.
Geld investieren für Anfänger: was ich beim ersten Mal falsch gemacht habe
Mein erstes Depot habe ich bei einer Filialbank eröffnet. Die Beraterin war freundlich, das Gespräch angenehm. Die Fonds, die sie mir empfohlen hat, hatten Ausgabeaufschläge von 5 Prozent und laufende Kosten um die 1,8 Prozent pro Jahr. Heute weiß ich: Bei einem breiten Indexfonds liegen die laufenden Kosten bei etwa 0,2 Prozent.
Auf 20.000 Euro Anlagesumme und 15 Jahre gerechnet ist das ein Unterschied von mehreren tausend Euro. Nicht wegen schlechter Rendite, sondern einfach wegen Gebühren.
Fünf Schritte, die ich heute in dieser Reihenfolge gehen würde
- Notgroschen aufbauen. Tagesgeld, drei bis sechs Monatsausgaben.
- Alte teure Fonds prüfen. Laufende Kosten über 0,5 Prozent sind ein Grund zum Wechseln.
- Depot bei einem günstigen Anbieter eröffnen. Die Ordergebühren unterscheiden sich erheblich.
- Freistellungsauftrag einrichten. Bis 1.000 Euro Gewinn pro Jahr bleiben für Alleinstehende steuerfrei. Ohne Auftrag führt die Bank die Steuer automatisch ab, und Sie müssen sie sich zurückholen.
- Monatlichen Sparplan starten. Klein anfangen ist besser als perfekt planen. Ich habe mit 100 Euro angefangen.
Die Vorabpauschale — die Steuer, die viele überrascht
Bei thesaurierenden Fonds — also solchen, die Erträge automatisch wieder anlegen statt auszuschütten — wird seit einigen Jahren eine Vorabpauschale fällig. Sie zahlen also Steuern auf einen fiktiven Gewinn, noch bevor Sie tatsächlich etwas verkauft haben.
Mich hat das beim ersten Mal kalt erwischt. Ein paar hundert Euro, die ich nicht auf dem Verrechnungskonto hatte. Seitdem halte ich dort immer einen kleinen Puffer. Das ist kein Grund, thesaurierende Fonds zu meiden — aber es ist ein Grund, das Konto nicht auf null zu leeren.
Geldanlage für Rentner: warum die Logik anders aussieht — aber nicht grundsätzlich
Meine Tante Renate hat am Ende doch investiert. 30 Prozent in einen weltweiten ETF, 70 Prozent in gestaffelte Festgelder und Tagesgeld. Sie ist 67.
Der weit verbreitete Rat, im Alter komplett auf Aktien zu verzichten, hat einen Haken: Er geht von einem Horizont von fünf Jahren aus. Wer mit 67 noch 20 Jahre vor sich hat, dessen Geld muss ebenfalls gegen Inflation arbeiten — sonst reicht es am Ende trotzdem nicht.
Was sich tatsächlich ändert, ist die Entnahmestrategie. Statt eines Sparplans braucht es einen Auszahlungsplan. Und der sollte so gebaut sein, dass in schwachen Marktphasen nicht zwangsweise Anteile verkauft werden müssen.
Was ich heute anders machen würde
Ich würde früher anfangen. Nicht mit großen Summen — mit 50 Euro im Monat, einfach damit die Routine da ist. Die mentale Hürde war bei mir viel größer als die finanzielle.
Und ich würde aufhören, nach der einen perfekten Lösung zu suchen. Die gibt es nicht. Es gibt nur eine Lösung, die zu Ihrem Horizont, Ihrem Puffer und Ihrer Nervenstärke passt. Der Rest ist Rauschen.
Was mir dabei am meisten geholfen hat, war eine einzige Frage, die ich mir vor jeder Entscheidung stelle: Wenn das hier in zwei Jahren 30 Prozent im Minus steht — schlafe ich dann noch? Bei Tagesgeld ja. Bei meinem ETF auch, weil ich den Horizont habe. Bei Einzelaktien damals nicht. Und genau daran habe ich gemerkt, wo ich falsch aufgestellt war.